Hallo ihr Lieben! Hier ist Maria-Maus, eure kleine Maus mit den großen Ohren. Kuschelt euch schön ein, ich erzähle euch heute Nacht von einer Bootsfahrt, die eigentlich eine Nussschale war.
Eva kam am Nachmittag über den Gartenpfad gehuscht, so schnell, dass ihr rosa Schwänzchen hinter ihr her wehte. „Ich habe etwas gefunden", rief sie schon von Weitem. In ihren Pfoten trug sie eine halbe Walnussschale, groß und rund wie eine kleine Kuppel. „Die liegt unter dem Nussbaum bei meinem Haus. Ich glaube, das ist ein Boot."
Ich drehte die Schale in meinen Pfoten. Innen war sie glatt und trocken, außen braun und ein bisschen runzelig, wie eine winzige Berglandschaft. „Ein Boot für wen?", fragte ich. „Für uns", sagte Eva und grinste so breit, dass man ihre kleinen Zähne sah. „Wir müssen nur noch zum See."
Den See kannte ich gut. Es war eine große Pfütze hinter dem Komposthaufen, die nach jedem Regen entstand und erst nach vielen Tagen in der Sonne wieder verschwand. Für uns Mäuse war sie riesig, mit kleinen Wellen, wenn der Wind hineinblies, und einer Insel aus einem alten Blatt in der Mitte.
Wir trugen die Walnussschale zu zweit, ich vorne, Eva hinten, und balancierten sie über die Wurzeln und Steine. Am Ufer setzten wir sie vorsichtig ins Wasser. Sie schwamm, schaukelte ein bisschen und blieb dann ruhig liegen, als würde sie genau darauf gewartet haben.
„Wer fährt als Erste rein?", fragte Eva. „Zusammen", sagte ich. Wir kletterten hinein, erst ich, dann Eva, und die Schale schwankte, aber sie kippte nicht. Als Ruder benutzten wir zwei Grashalme, die Eva schon mitgebracht hatte, klug wie sie war.
Am Anfang ruderten wir ungeschickt im Kreis. Eva zog links, ich zog rechts, und das Boot drehte sich wie ein Kreisel. Wir lachten so laut, dass eine Ente am anderen Ufer aufschaute. Dann fand Eva den Trick: „Du ziehst, wenn ich ziehe, nicht wenn ich schon fertig bin." Von da an glitten wir fast gerade über das Wasser, Grashalm für Grashalm.
Die Mitte des Sees war das Aufregendste. Dort, wo das Wasser am tiefsten war, zeigte sich der Himmel darin wie ein zweiter, weicher Himmel unter uns. Kleine Wasserläufer tanzten über die Oberfläche, ohne jemals einzusinken. „Schau", flüsterte Eva und zeigte auf einen von ihnen. „Der läuft einfach so übers Wasser, als wäre es fester Boden." Wir blieben eine Weile stehen und beobachteten, wie die Wasserläufer ihre Kreise zogen.
Auf halbem Weg zur Blattinsel kam Wind auf, nur ein kleiner Hauch, aber genug, um kleine Wellen zu machen. Die Walnussschale hob und senkte sich sanft, wie eine Wiege. Ich hielt mich am Rand fest, lachte aber mehr, als ich mich fürchtete. „Das ist wie Schaukeln", rief ich. Eva nickte und hielt die Nase hoch in den Wind, als würde sie ihn schmecken wollen.
Wir erreichten die Blattinsel und legten dort an, indem wir die Schale einfach dagegenstupsten. Das Blatt war weich und ein wenig schwammig, aber es trug uns gut. Wir kletterten hinauf und setzten uns in die Mitte, wo das Blatt eine kleine Mulde hatte, fast wie ein Sessel. Von dort aus sahen wir den ganzen See: das Ufer mit dem Schilf, den Komposthaufen wie ein ferner Hügel, und unsere Walnussschale, die geduldig am Rand der Insel wartete.
„Ich wünschte, wir könnten hier bleiben", sagte Eva und ließ ihre Pfoten im kühlen Blattwasser baumeln. „Wir könnten jeden Tag kommen", schlug ich vor. „Dann wird aus der Insel unser Geheimort." Eva fand das die beste Idee des Tages und versprach, morgen ein kleines Tuch als Fahne mitzubringen.
Als die Sonne tiefer stand, machten wir uns auf den Rückweg. Diesmal ruderten wir im perfekten Takt, als hätten wir es schon immer gekonnt. Die Walnussschale glitt leise über das glatte Wasser, und ich konnte mein eigenes Gesicht darin spiegeln sehen, verschwommen und ein bisschen wellig. Am Ufer zogen wir das Boot aus dem Wasser und stellten es unter einen Farnwedel, geschützt vor dem nächsten Regen.
„Morgen fahren wir wieder", sagte Eva, bevor sie sich auf den Heimweg machte. „Mit Fahne", erinnerte ich sie. Sie lachte und winkte, bis der Gartenpfad sie hinter den Grashalmen verschwinden ließ.
Ich ging langsam zum Apfelbaum zurück, mit nassen Pfoten und einem warmen Gefühl im Bauch. Elisa schlief schon im Nest, als ich hineinschlüpfte. Ich erzählte ihr trotzdem leise von der Walnussschale, vom zweiten Himmel im Wasser und von den Wasserläufern, die so leicht über alles hinwegliefen. Vielleicht würde sie es im Traum schon ein kleines bisschen hören.
Schlaf gut, ihr Lieben. Wenn der Wind heute Nacht ans Fenster klopft, dann stellt euch vor, ihr sitzt in einer kleinen Nussschale auf einem ruhigen See. Gute Nacht von eurer Maria-Maus.