Hallo ihr Lieben! Hier ist Maria-Maus, eure kleine Maus mit den großen Ohren. Kuschelt euch schön ein, ich erzähle euch heute Nacht von einem Streit. Und davon, wie ein Streit ganz leise wieder aufhört.
Heute Morgen hat Eva im Garten vorbeigeschaut. Sie hatte ihr pinkes Handtuch um die Schultern und einen kleinen Beutel unterm Arm. „Wollen wir eine Pfützenburg bauen?“, hat sie gefragt. Ich habe sofort Ja gesagt. Eine Pfützenburg ist ein Haus aus nassem Sand, mit Mauern, Türmen und einem Graben ringsherum.
Wir haben uns an den Rand des Beetes gesetzt, dort, wo die Erde nach dem Regen noch weich war. Ich habe die Erde zu Mauern geformt. Eva hat mit einem Grashalm kleine Fenster hineingedrückt. Es ist eine schöne Burg geworden, mit vier Türmen und einem runden Tor.
Dann hat Eva gesagt: „Jetzt kommt das Dach. Das Dach muss pink sein.“ Sie hat ein rosa Blütenblatt aus ihrem Beutel geholt. Ich habe den Kopf geschüttelt. „Ich möchte ein grünes Dach“, habe ich gesagt. „Ein grünes Blatt sieht aus wie ein Wiesendach. Das passt in den Garten.“
„Pink ist aber schöner“, hat Eva gesagt. „Grün ist schöner“, habe ich gesagt. Wir haben beide nach der Burg gegriffen. Eva hat das rosa Blatt auf den größten Turm gelegt. Ich habe es wieder heruntergenommen und mein grünes Blatt daraufgelegt. Eva hat mein Blatt heruntergenommen. So ist es eine ganze Weile hin und her gegangen.
Dann hat Eva die Arme verschränkt. „Dann spiele ich nicht mehr mit“, hat sie gesagt. Ihre Stimme war ganz klein und fest zugleich. Ich habe auch die Arme verschränkt. „Dann spiele ich auch nicht mehr“, habe ich gesagt. Wir haben uns Rücken an Rücken hingesetzt, mitten neben der Burg. Es war ein bisschen so, als würde ein kleines graues Wölkchen über uns hängen.
Die Sonne hat weitergeschienen. Ein Käfer ist am Beetrand entlanggekrabbelt. Eine Biene hat gebrummt, sehr leise und sehr freundlich. Die Burg hat still dagestanden, mit ihren vier Türmen und dem Tor, aber ohne Dach.
Nach einer Weile habe ich ein wenig über die Schulter geschielt. Eva hat auch geschielt. Wir haben beide gleichzeitig weggeschaut und dann beide gleichzeitig ein bisschen gelacht. Nur ein ganz kleines Lachen, mehr ein Schnaufen durch die Nase.
„Mein Bauch fühlt sich komisch an“, hat Eva gesagt. „Meiner auch“, habe ich gesagt. „Wie ein Stein.“ „Ja“, hat Eva gesagt. „Ein Streit macht einen schweren Bauch.“ Ich habe genickt. So ist es. Der Stein ist schwerer als jedes Dach.
Dann kam ein kleiner Windhauch über das Beet. Er hat das rosa Blatt und das grüne Blatt gleichzeitig erfasst. Beide Blätter sind ein Stück gehüpft und dann Seite an Seite mitten auf dem größten Turm gelandet. Das rosa Blatt lag halb unter dem grünen und das grüne halb unter dem rosa. Zusammen sahen sie aus wie ein Dach mit zwei Farben.
Wir haben beide auf die Burg geschaut. „Das sieht schön aus“, hat Eva gesagt. „Sehr schön“, habe ich gesagt. Ich habe mich umgedreht, und Eva hat sich auch umgedreht. Wir haben uns angeschaut, und die Wolke über uns war plötzlich weg.
„Entschuldigung“, habe ich gesagt. „Ich wollte unbedingt mein Blatt, und dabei habe ich gar nicht gefragt, was du dir wünschst.“ „Entschuldigung“, hat Eva gesagt. „Ich habe auch nur an mein Blatt gedacht. Das war nicht nett.“ Dann haben wir uns die Pfoten gereicht. Eva hat meine ganz fest gedrückt, und ich habe ihre ganz fest gedrückt. Der Stein im Bauch war weg.
Danach haben wir die Burg weitergebaut. Wir haben einen Graben gezogen und mit einem Tropfen Regenwasser aus dem Blütenkelch gefüllt. Eva hat einen kleinen Steg aus einem Grashalm gelegt. Ich habe aus einer Beere eine Laterne gemacht. Und über dem Tor haben wir zwei Blätter gekreuzt, ein rosa und ein grünes, als Zeichen dafür, dass hier zwei Freundinnen wohnen.
Am Nachmittag kam Mama Michalina mit einem Korb voller Kleeblätter vorbei. Sie hat die Burg bewundert. „Zwei Farben auf dem Dach“, hat sie gesagt. „Wie schön. Habt ihr euch das ausgedacht?“ „Ja“, hat Eva gesagt. „Wir haben lange darüber nachgedacht.“ Ich habe genickt. Das war fast die Wahrheit.
Am Abend hat Eva ihr Handtuch wieder umgelegt. „Bis morgen“, hat sie gesagt. „Bis morgen“, habe ich gesagt. Sie ist über den Gartenpfad davongehuscht, ein kleiner rosa Punkt im goldenen Abendlicht. Ich habe ihr nachgewinkt, bis ich sie nicht mehr gesehen habe.
Dann bin ich unter den Apfelbaum zurückgegangen. Elisa lag schon im Nest und hat leise geschnauft. Ich habe mich neben sie gelegt und an die Burg gedacht, an das Dach mit den zwei Farben. Ein Streit ist wie ein Wetter. Es zieht auf, es wird ein wenig grau, und dann zieht es wieder ab. Meistens geht es schneller vorbei, wenn man einander die Pfote reicht.
Schlaf gut, ihr Lieben. Und wenn ihr morgen einmal streitet, dann denkt an den Stein im Bauch und an das Dach mit den zwei Farben. Gute Nacht von eurer Maria-Maus.