Hallo ihr Lieben! Hier ist Maria-Maus, eure kleine Maus mit den großen Ohren. Kuschelt euch schön ein, ich erzähle euch heute Nacht von einem Feigenbaum. Und davon, wie man sich nach einem Streit wieder die Pfote reicht.
Heute hatten wir Besuch im Garten. Eva war da, das Mäuschen mit der pinken Schleife, und mit ihr ihre Mama Sandra. Sandra hat einen weichen Schal getragen und ein Lächeln, das schon von Weitem zu sehen war. Elisa ist sofort auf Eva zugelaufen. „Komm, ich zeige dir mein Versteck!“, hat sie gerufen. Die beiden sind unter den Apfelbaum gehuscht, und Mama Michalina hat Sandra einen Platz auf der Decke angeboten.
Erst haben die zwei Mäusemädchen wunderbar gespielt. Sie haben Blätter gesammelt und kleine Häuser aus Rinde gebaut. Dann aber wollte Eva das schönste rote Blatt haben, und Elisa wollte es auch. „Das habe ich zuerst gesehen“, hat Elisa gesagt. „Nein, ich“, hat Eva gesagt. Und plötzlich hat jede an einer Seite des Blattes gezogen. Das Blatt hat leise geknistert, dann ist es in der Mitte gerissen.
Es war ganz still. Elisa hat die Schnauze gerunzelt. Eva hat die Arme vor der Brust verschränkt. „Du bist gemein“, hat Elisa gemurmelt. „Du auch“, hat Eva gemurmelt. Dann hat jede sich in eine andere Ecke des Gartens gesetzt, mit dem Rücken zueinander. Das war gar nicht schön. Ich habe mich gefragt, wie man das wieder gut macht.
Da hat es von der anderen Seite des Zauns geraschelt. Es war Chamis, unser Nachbar. Chamis ist ein alter, freundlicher Mäuserich mit einem Bart wie ein Wölkchen. Er hat einen Besen in den Pfoten gehalten, einen großen, mit langem Stiel. Neben seinem Haus steht ein Feigenbaum, und dessen Äste hängen weit in unseren Garten hinein.
„Guten Tag, ihr Lieben“, hat Chamis gerufen. „Die Feigen sind reif. Aber sie hängen so hoch, dass ich sie nicht erreiche. Da hilft mir mein Besen.“ Er hat den Besen nach oben gestreckt und vorsichtig an einen Zweig getippt. Klopf, klopf. Und dann ist eine Feige heruntergefallen, plumps, mitten ins weiche Gras.
Elisa und Eva haben aus ihren Ecken geschielt. Beide wollten hinsehen, aber keine wollte es zugeben. Chamis hat noch einmal getippt, klopf, klopf, plumps. Noch eine Feige. „Hm“, hat er gesagt, „der Besen ist ziemlich lang und ziemlich schwer. Ich brauche jemanden, der ihn oben festhält, und jemanden, der unten die Feigen auffängt. Alleine schaffe ich das nicht.“
Elisa hat einen Schritt gemacht. Eva hat auch einen Schritt gemacht. Sie haben sich kurz angesehen, dann schnell wieder weggeschaut. „Ich kann den Besen halten“, hat Elisa gesagt, leise. „Ich kann die Feigen auffangen“, hat Eva gesagt, genauso leise.
Also hat Elisa mit Chamis den Besen gehalten. Er war wirklich schwer, aber zu zweit ging es gut. Klopf, klopf, hat der Besen gemacht. Eine Feige löste sich vom Zweig und fiel und fiel. Eva hat die Pfoten hochgehalten, und die Feige ist genau hineingeplumpst. „Gefangen!“, hat sie gerufen und dann schnell weggeschaut, weil sie ja noch ein bisschen böse war.
Bei der zweiten Feige hat Elisa den Besen etwas zu weit nach links gedreht. Die Feige ist an Eva vorbeigekullert. Elisa hat die Pfote vor den Mund gehalten. „Entschuldigung“, hat sie gesagt. „Das war keine Absicht.“ Eva hat die Feige aufgehoben und gelacht. „Macht nichts. Die ist noch ganz.“ Und dann war es plötzlich leicht, so als hätte jemand ein kleines Fenster aufgemacht.
„Es tut mir leid mit dem Blatt“, hat Elisa gesagt. „Ich wollte es nicht kaputt machen.“ Eva hat genickt. „Mir tut es auch leid. Ich hätte nicht ziehen sollen. Wir hätten das Blatt teilen können.“ „Das können wir doch jetzt“, hat Elisa gesagt. „Jede nimmt eine Hälfte.“ Und schon hatten die zwei Mäusemädchen wieder ein Lächeln im Gesicht.
Chamis hat es gesehen und still geschmunzelt. „Ein Besen kann viel“, hat er gesagt. „Er kehrt den Hof, er holt Feigen vom Baum. Und manchmal kehrt er auch den Ärger weg.“ Da haben alle gelacht, sogar Sandra auf der Decke, und Mama Michalina hat ihr zugezwinkert.
Dann hat Chamis die Feigen in einen kleinen Korb gelegt. Sie waren violett und ein bisschen weich, und sie haben süß gerochen wie ein warmer Nachmittag. Er hat jedem von uns eine gegeben, und eine extra für Papa Alexander, der gerade aus dem Bau gekommen ist. „Teilen macht die Feigen noch süßer“, hat Chamis gesagt. Ich habe abgebissen. Es hat geschmeckt wie Sommer, der sich langsam verabschiedet.
Wir haben alle zusammen auf der Decke gesessen, im Schatten des Apfelbaums. Elisa und Eva haben die zwei Hälften des roten Blattes nebeneinandergelegt. Man hat den Riss kaum noch gesehen. Sandra hat erzählt, wie sie als kleines Mäuschen einmal mit ihrer besten Freundin gestritten hat, und wie sie sich bei einer Tasse warmer Milch wieder vertragen haben. Chamis hat genickt. „Vertragen ist wie Feigenpflücken“, hat er gesagt. „Man braucht zwei, und einer allein schafft es nicht.“
Als die Sonne tiefer stand, haben sich Eva und Sandra verabschiedet. Eva hat Elisa noch die Pfote gedrückt. „Nächstes Mal teilen wir gleich“, hat sie versprochen. „Ja“, hat Elisa gesagt, „und dann feiern wir mit Feigen.“ Chamis ist mit seinem Besen über der Schulter zurück in sein Haus gegangen, und man hat ihn leise pfeifen gehört.
Elisa ist am Abend ganz müde in ihr Moosbett gekrabbelt. In der Pfote hat sie ihre Hälfte des roten Blattes gehalten. „Streiten ist doof“, hat sie gemurmelt. „Aber sich vertragen ist schön.“ Dann hat sie die Augen zugemacht. Ich habe noch ein wenig gelauscht, wie der Wind leise durch die Feigenblätter gestrichen ist, und habe an die süße Feige gedacht.
Schlaf gut, ihr Lieben. Und wenn du morgen einmal Streit hast, dann denk an den Besen von Chamis. Manchmal reicht ein kleines Stück Freundlichkeit, um alles wieder gut zu machen. Gute Nacht von eurer Maria-Maus.