Hallo ihr Lieben! Hier ist Maria-Maus, eure kleine Maus mit den großen Ohren. Kuschelt euch schön ein, ich erzähle euch heute Nacht von einem Besucher und einem Ei, das keines wie alle anderen war.
Es war ein nebliger Morgen. Der Nebel lag über dem Garten wie eine weiche Decke, und aus dem Nebel heraus kam eine Gestalt mit einem roten Schal um den Hals. Hendrik, die Abenteuermaus! Hendrik reist durch die weite Welt, mit einem kleinen Rucksack und ganz vielen Geschichten im Gepäck. Er war schon am Meer, er war in den Bergen, und er kennt Städte, in denen nachts die Lichter nie ausgehen. Immer wenn er in der Nähe ist, schaut er bei uns unter dem Apfelbaum vorbei.
Aber heute erzählte er erst einmal nichts. Heute schleppte er etwas hinter sich her, das in seinen roten Schal gewickelt war. Und es war groß. Fast so groß wie Hendrik selbst. Vorsichtig legte er sein Paket auf den warmen Stein vor unserem Bau und wickelte den Schal auseinander. Darin lag ein Ei. Ein rundes, großes Ei, grüngrau gesprenkelt, und es war warm wie ein Kieselstein, den die Sonne den ganzen Tag geküsst hat. Elisa legte beide Pfoten darauf und hielt den Atem an. „Es klopft“, flüsterte sie. Und wirklich. Ganz leise, von innen, klopf, klopf.
„Wo hast du das denn her?“, fragte Mama Michalina. Hendrik setzte sich und erzählte. Auf seiner letzten Reise, dort, wo der Sand golden ist und die Steine vor Wärme glühen, hat er nach einem Sturm dieses eine Ei liegen sehen. Der Sturm hatte es aus seinem Nest gewalzt, und das Nest war nicht mehr zu finden. Also hat Hendrik es eingewickelt und gewärmt und Tag für Tag mitgenommen, wohin er ging. „Und heute Nacht“, sagte er, „hat es zum ersten Mal geklopft. Da wusste ich: Es wird Zeit, dass wir zusammen warten.“
Alle haben mitgeholfen. Wir bauten ein Nest aus Moos und trockenen Blättern, an der warmen Gartenmauer, wo die Nachmittagssonne hinkommt. Papa Alexander trug weiche Grasbüschel herbei, Mama legte sie zu einem runden Bett, und Hendrik deckte das Ei mit seinem Schal zu wie mit einer Decke. „Wärme und Ruhe“, sagte Mama. „Mehr braucht ein Ei nicht. Und Geduld.“
Geduld hatten wir den ganzen Tag. Beim Warten haben wir geraten, was wohl darin schlummert. Elisa tippte auf ein Küken. Mama Michalina tippte auf ein Täubchen. Papa Alexander maß mit den Pfoten nach und sagte: „Für ein Küken ist das ein bisschen groß.“ Hendrik grinste in seinen Schnurrbart und sagte nur: „Größer.“ Da hat Elisa tief Luft geholt und gesagt, was sie wirklich dachte: „Ein Dinosaurier!“ Wir haben alle gelacht, denn das klang so groß und wild für unseren friedlichen Garten. Nur Hendrik hat nicht gelacht. Hendrik hat genickt.
Am späten Nachmittag wurde das Klopfen stärker. Klopf, klopf, klopf. Wir saßen alle ganz still um das Nest, und ich habe mein eigenes Herz leise gehört. Ein feiner Riss zog sich über die Schale, wie ein Ast, der langsam wächst. Dann hob sich ein Stück Schale und fiel sanft ins Moos. Und da, in der Öffnung, eine kleine Schnauze. Eine grüne, glänzende Schnauze mit zwei großen, dunklen, ganz freundlichen Augen.
Das Schälchen öffnete sich wie eine Blüte, Stück für Stück, und heraus kroch ein Dinosaurierkind. So groß wie eine junge Katze, mit weicher grüner Haut und einem Schwanz, den es noch nicht richtig halten konnte. Es sah sich um, schnupperte nach Elisa und nieste dann so leise, dass es nur ein „pst“ war. Da konnten wir uns nicht mehr halten und mussten alle leise lachen. Elisa streckte die Pfote aus und sagte: „Hallo. Ich bin Elisa.“ Das Dinosaurierkind schnupperte an ihrer Pfote und lehnte den Kopf an ihre Hand.
„Pips“, sagte Elisa dann. „Du heißt Pips. Weil du aus deiner Schale gepipst hast.“ Und Pips, das Dinosaurierkind, hat zugnickt, so gut, wie man mit einem langen Hals nicken kann. Hendrik war den ganzen Moment still gewesen, so still, wie er vielleicht noch nie gewesen war. „In all meinen Reisen“, sagte er endlich, „habe ich noch nie jemandem beim Schlüpfen zugesehen. Das war das Schönste von allen.“
Pips war müde vom Schlüpfen und hunrig dazu. Hendrik wusste Rat, denn er kennt sich aus mit allerlei Getier. Er brachte zarte Kleeblätter und ein paar weiche Löwenzahnblätter, und Pips kaute ganz gemächlich und friedlich, mit halb geschlossenen Augen. Draußen wurde es jetzt kühl, denn der Herbst steht vor der Tür. Also deckten wir Pips mit Hendriks rotem Schal zu, und Hendrik selbst kuschelte sich daneben ins Moosnest. „Ich bleibe heute Nacht hier“, flüsterte er. „Jemand muss dem Kleinen doch Gesellschaft leisten und von der weiten Welt vorsingen.“
Und so ist es gekommen. Wir Mäuse liegen in unserem Bau, warm und geborgen, und draußen vor dem Apfelbaum schlafen Hendrik und Pips in ihrem Moosnest unter einem Sternenhimmel. Ein richtiger Dinosaurier, mitten in unserem Garten. Wenn das kein Wunder ist. Ich glaube, morgen bauen wir zusammen ein richtiges Haus für Pips. Aber das erzähle ich euch ein anderes Mal.
Schlaf gut, ihr Lieben. Und wenn du morgen früh aufwachst, dann denk daran: Das Allergrößte kommt manchmal in der stillsten Verpackung. Gute Nacht von eurer Maria-Maus.