Hallo ihr Lieben! Hier ist Maria-Maus, eure kleine Maus mit den großen Ohren. Kuschelt euch schön ein, ich erzähle euch heute Nacht von unserem Besuch in einem Garten voller Wunder.
Heute früh, als die Sonne noch tief stand und das Gras nass glänzte, klopfte es an unseren Bau. Es war Opa Bernd. Er wohnt mit seiner Babsi in Leipzig, und weil er sein Fahrrad über alles liebt, ist er einfach losgefahren, um uns abzuholen. Vor dem Apfelbaum stand er dann, mit roten Wangen und einem großen Weidenkorb am Gepäckträger. „Ein Platz für vier Mäuse“, sagte er und klopfte an den Korb. „Wer steigt ein?“
Na, wir alle natürlich. Mama Michalina packte eine kleine Tasche mit Keksen, Papa Alexander hob Elisa hinein, und ich setzte mich obendrauf, damit ich alles sehen konnte. Opa Bernd trat in die Pedale, das Fahrrad schnurrte über die Wege, und Leipzig kam näher und näher. Elisa und ich zählten die Brücken, an denen wir vorbeifuhren. Es waren drei, und an jeder roch die Stadt ein bisschen anders. Nach Brot, nach Fluss und am Ende nach frisch gemähtem Gras.
Und dann standen wir davor. Opa Bernds Garten. Ein Tor aus Holz, ein Weg aus Kies, und dahinter Beete, so weit das Auge reicht. Tomaten, Möhren, Bohnen, Kopfsalat, alles in ordentlichen Reihen, wie in einem Buch, in dem jede Seite gleich schön ist. Opa Bernd ist Gärtner, und das merkt man sofort. Er ging durch seine Beete wie ein Vater durchs Kinderzimmer und kannte jede Pflanze beim Namen. „Das ist Helga“, sagte er und tippte an eine Tomatenpflanze. „Die trägt dieses Jahr die meisten Früchte von allen.“
Elisa durfte mithelfen. Opa Bernd zeigte ihr, wie man eine Möhre erntet. Man fasst sie vorsichtig am grünen Kleid, wackelt ein kleines bisschen und zieht dann ganz langsam. „ffffp“, machte die Erde, und da war sie, eine ganze Möhre, noch mit Erde an den Füßen. Elisa hielt sie mit beiden Pfoten wie einen Schatz. „Aus der dunklen Erde“, staunte sie. „Da wohnt also das, was man isst?“ Opa Bernd nickte und lachte. „Der beste Keller der Welt. Man muss nur wissen, wann man die Tür öffnet.“
Mittlerweile kam Babsi aus dem Gartenhäuschen. Sie ist die Frau von Opa Bernd, und sie ist Lehrerin. Früher hat sie Kinder unterrichtet, und nicht immer im Klassenzimmer. Ihr schönstes Klassenzimmer stand draußen, mitten im Garten, unter dem alten Birnbaum. Dort steht bis heute eine lange Bank, und auf der haben die Kinder gesessen und gelernt. Über Bienen, über Regenwürmer und darüber, wie aus einem winzigen Korn eine ganze Pflanze wird.
„Und heute“, sagte Babsi, und ihre Augen wurden zu zwei fröhlichen Halbmonden, „geht hier wieder Unterricht. Für Mäuse.“ Wir setzten uns alle vier auf die Bank, und Babsi hob einen Sonnenblumenkern hoch, so klein und leicht, dass er auf einer Pfote balancieren konnte. Dann bohrte sie mit dem Finger ein Loch in die Erde, legte den Kern hinein und deckte ihn zu wie mit einer weichen Decke. „Jetzt schläft er“, sagte sie. „Er träumt den ganzen Winter von der Sonne. Und im Frühling, wenn die Erde warm wird, streckt er seine ersten Blätter heraus.“ Elisa drückte die Erde ganz sacht fest, so wie man ein Kissen zupft. „Dann wünschen wir ihm gute Träume“, flüsterte sie.
Danach gab es Tee und Apfelscheiben unter dem Birnbaum. Opa Bernd erzählte von seiner längsten Fahrradfahrt. Als er jung war, ist er Tag für Tag gefahren, bis er das Meer erreicht hat. „Wie weit ist das denn?“, fragte Elisa mit vollen Backen. „Sehr weit“, sagte Opa Bernd. „Aber mit einem guten Fahrrad und genug Zeit wird jeder Weg ein Ausflug.“ Babsi hat dabei den Kopf geschüttelt und gelächelt, so wie man das macht, wenn man eine Geschichte schon hundertmal gehört hat und sie trotzdem immer wieder gern hört.
Am Abend haben wir Abschied genommen. Opa Bernd setzte uns behutsam in den Weidenkorb, und Babsi legte uns ein Tuch hinein, weil es draußen kühl geworden war. Das Fahrrad schnurrte durch die erste Abenddämmerung, der Korb schaukelte hin und her, und Elisa schlief schon vor der zweiten Brücke ein, mit dem Kopf an Mama Michalinas Schulter. Zu Hause angekommen trug Papa Alexander sie sanft in den Bau, und Opa Bernd winkte uns noch einmal zu. Dann hörten wir das Klingeln seiner Glocke, leiser und leiser, bis nur noch der Apfelbaum da war und wir.
Ich lag noch lange wach und habe an den Sonnenblumenkern gedacht, der jetzt da draußen in der Erde schläft. Ein so kleines Ding, und in ihm steckt eine ganze Pflanze, hoch wie ein Baum für uns Mäuse, mit einem großen gelben Gesicht. Das Beste kommt oft in den kleinsten Verpackungen. Das gilt für Körner, und ich glaube, das gilt auch für Tage.
Schlaf gut, ihr Lieben. Und wenn du morgen etwas Kleines in der Hand hast, dann schau es genau an. Vielleicht träumt darin schon etwas ganz Großes. Gute Nacht von eurer Maria-Maus.